
Die MG Lyss um 1900 (Schlunegger 1970, S. 11).

Konzertprogramm vom 13.02.1910 (Archiv der MG Lyss).

Die MG Lyss 1971 (Archiv der MG Lyss).

Die Musikgesellschaft bei einem Auftritt 2025. (Fotografie Marin Bühler).
Die Musikgesellschaft (MG) Lyss wurde am 01.03.1870 von elf Männern gegründet. Laut Gründungsstatuten setzte sich der Verein zum Ziel, sowohl das gesellige Zusammenleben wie auch die Blechmusik zu fördern. Da jegliche Protokolle vor 1902 verschollen sind, kann über die MG Lyss während des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht viel ausgesagt werden. Es ist aber anzunehmen, dass der Verein der für das 19. Jahrhundert typischen ‹bürgerlichen Geselligkeit› nacheiferte und das Musizieren eher ein Mittel zum Zweck war.
1902 zählte der Verein bereits 26 Mitglieder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand die MG Lyss hauptsächlich aus Arbeitern – insbesondere Uhrenmachern –, was sich auch in der politischen Gesinnung widerspiegelte. Obwohl der Verein laut seinen Statuten politisch neutral war, umrahmte er den jährlichen Umzug zum Tag der Arbeit und spielte beispielsweise auch an der «Protestversammlung der Arbeiterschaft von Lyss gegen den Steuerdruck» vom 16. Oktober 1921. Zu vereinsinternen Schwierigkeiten führten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben der Spanischen Grippe und den beiden Weltkriegen auch die oft mangelhafte Disziplin und der überhöhte Alkoholkonsum der Musikkapelle.
Das Repertoire der MG Lyss bestand im beginnenden 20. Jahrhundert aus der für die Blasmusik der Zeit typischen Kombination von Märschen, volkstümlicher Musik, Transkriptionen populärer Opernouvertüren und -arien sowie einigen wenigen Originalkompositionen im klassischen oder romantischen Stil. Konzerte des Vereins wurden oft mit einer Volkstheateraufführung und gemütlichem Beisammensein ergänzt. Der Verein absolvierte zudem jedes Jahr diverse kleinere Auftritte auf Dorfplätzen und in Wirtschaften sowie zur Umrahmung verschiedener Anlässe. Zudem nahm die MG Lyss regelmässig an Blasmusikwettbewerben teil. In den späten 1930er-Jahren begann sich der Verein von der reinen Blechmusik abzuwenden und nahm Saxophone sowie später auch Klarinetten, Flöten und Doppelrohrblattinstrumente in seine Reihen auf.
Auch wenn die Ausbildung neuer Musikanten schon immer zu den Aktivitäten der Musikgesellschaft Lyss gehörte, wird sie in den ersten Jahrzehnten kaum erwähnt. Bekannt ist einzig, dass regelmässig Trompeterkurse stattfanden, welche in der Regel durch den Dirigenten geleitet wurden. Schwierigkeiten in der Nachwuchsförderung werden erstmals in der Festschrift von 1945 angesprochen. Ernst Siegfried führt darin die abnehmende Bereitschaft der Jugend zum Musizieren in einem Blasmusikverein hauptsächlich auf die hohe Belastung «durch Berufslehre, durch turnerisch-sportliche Betätigung, durch Militärdienst und anderes» zurück (Siegfried 1945).
Das Jahr 1921 brachte für die MG Lyss den Übergang zum Berufsdirigententum: Mit Arthur Ney übernahm ein professioneller Klarinettist und Komponist aus Deutschland die musikalische Leitung des Vereins. Dies brachte eine Steigerung der musikalischen Ansprüche und Leistungen mit sich, welche in der Zeit unter dem Dirigenten Remo Boggio (1941–1968) ihren Höhepunkt erreichte. Die MG Lyss wagte sich an immer grössere und schwierigere Werke, so zum Beispiel 1946 die Ouvertüre Titanic des bekannten Blasmusikkomponisten Stephan Jaeggi oder 1954 eine Transkription von Čajkovskijs Ouvertüre 1812. Die Leistungen des Vereins wurden sowohl von Zeitungskritikern als auch von Blasmusikexperten gelobt. Am kantonalen Musikfest in Bern 1955 erreichte die MG Lyss mit insgesamt 65 Mitgliedern sogar den zweiten Rang in der ersten Stärkeklasse. Neben der musikalischen Qualität nahm auch die Anzahl der Zusammenkünfte zu: 1937 traf sich der Verein noch rund 90-mal zu Proben und Anlässen, 1948 fanden bereits 103 Zusammenkünfte statt.
Nach Boggios Demission aus gesundheitlichen Gründen im Jahr 1968 sah sich die MG Lyss mit diversen Schwierigkeiten konfrontiert. Die zahlreichen Dirigenten- und Präsidentenwechsel, die fehlenden Ziele, das sinkende musikalische Niveau, der abnehmende Stellenwert der Blasmusik sowie die gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er- und 1970er-Jahre schlugen sich in einem Mitgliederschwund nieder, welcher auch mit der Aufnahme von Frauen ab den 1970er-Jahren nicht gebremst werden konnte.
Obwohl sich die Blasmusikszene lange Zeit zugunsten des traditionellen Repertoires gegen «moderne» Unterhaltungsmusik wehrte, begann die MG Lyss ab den 1990er-Jahren auch Arrangements aus dem Pop-/Rock- und Filmmusikbereich aufzunehmen. Daneben spielte der Verein nach wie vor auch volkstümliche Stücke, Transkriptionen aus der Kunstmusik sowie Originalwerke für Blasorchester. Trotz der vereinzelten Neuerungen setzte sich der Mitgliederschwund fort und der Verein zählte im Jahr 2014 noch 23 Mitglieder. Um spielfähig zu bleiben, gründete die MG Lyss daraufhin eine Spielgemeinschaft mit der MG Worben, welche für fünf Jahre Bestand hatte.
Mit nur 14 Mitgliedern wagte die MG Lyss 2019 den Neustart. Um sich den Bedürfnissen der Jugend im 21. Jahrhundert anzunähern, entschied der Verein, sich zukünftig auf die Interpretation populärer Musik zu spezialisieren. Die MG Lyss baute zunächst mit zahlreichen Videos (unter anderem auf YouTube) ihre Online-Präsenz aus. Einen ersten Auftritt 2020 bestritt die MG Lyss stehend, bot eine Lichtshow und ergänzte die Besetzung durch eine Sängerin und einen Rapper – ein klarer Bruch mit dem traditionellen Blasmusikkonzert.
In den Jahren nach dem Neustart verstetigte die Musikgesellschaft Lyss den eingeschlagenen Transformationsprozess. Die Neupositionierung mündete in der Umbenennung der Formation in «Unique Horns», womit der Verein sein verändertes musikalisches Selbstverständnis auch nach aussen sichtbar machte. Ziel der Transformation war es, Blasmusik bewusst aus traditionellen Aufführungskontexten zu lösen und sie stärker an zeitgenössische populäre Musikpraktiken anzunähern. Ab 2025 begann die MG Lyss zudem, eigene Songs zu komponieren und aufzuführen. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt von der ausschliesslichen Interpretation bestehender Arrangements hin zu einer aktiven musikalischen Autorschaft. Dieser Ansatz stellt innerhalb der Schweizer Blasmusik einen besonderen Entwicklungsweg dar und erweitert das traditionelle Rollenverständnis von Musikgesellschaften, das historisch primär reproduktiv geprägt war.
Chapuis, Yves: "Musikgesellschaft Lyss", in: Dictionnaire de la musique en suisse, Version du: 10.04.2026. En ligne: http://mls-dms.ch/view/musikgesellschaft-lyss-1m0D. Consulté le 14.04.2026.