Komponistin und Kinderpsychologin

Fotografisches Porträt von Elisabeth Spöndlin (anonym, ca. 1996, Privatarchiv Matthias Steiner).
*08.02.1923 in Zürich (ZH), †20.05.2010 in Solothurn (SO), reformiert, von Zürich, Tochter des Kaspar Friedrich Wilhelm, Jugendanwalt, und der Anna Elisabeth geborene Feurer. Ledig, keine Nachkommen.
Spöndlin wuchs in einem christlichen Umfeld als zweitjüngste Tochter einer Familie mit sechs Kindern auf. Mit neun Jahren erhielt sie Geigenunterricht und zeigte früh Interesse an zeitgenössischer Musik. Sie liess sich an der Sozialen Frauenschule Zürich zur Sozialarbeiterin ausbilden und arbeitete ab 1947 im Gotthelfhaus Biberist, einer Beobachtungsstation für psychisch erkrankte Kinder. Nach Abschluss einer Psychoanalyse und einer Lehranalyse war sie ab 1969 als Erziehungsberaterin und Kinderpsychologin in eigener Praxis in Solothurn tätig.
Privat spielte sie als Bratschistin im Stadtorchester Solothurn. Ab 1963 nahm sie Klavierunterricht und komponierte erste Werke, welche sie später verwarf und die nicht mehr erhalten sind. Ab Ende der 1960er Jahren beschäftigte sich Spöndlin vertieft autodidaktisch mit der Komposition, unter anderem durch das Studium von Hindemiths Kompositionslehren. Eigene Werke wurden im Familienkreis mit ihrer Schwester Regula und ihrem Neffen Bernhard Spöndlin aufgeführt.
Einen entscheidenden Punkt in Spöndlins Werdegang als Komponistin stellte 1982 die Einladung durch Emmy Henz-Diémand in eine Radiosendung der Reihe «Musikmacher ohne Öffentlichkeit» dar. Danach begann sie eine intensivere und professionellere Kompositionstätigkeit und nahm Privatunterricht in Theorie und Komposition bei Thüring Bräm in Basel und Luzern.
Spöndlin entwickelte in ihren oft programmatischen Werken eine eigene Musiksprache, welche von «sphärischen» Klangfolgen und der Quint geprägt war. Letztere verstand sie laut dem Solothurner Violinisten und Dirigenten Matthias Steiner als einen «Wunderklang». Ihre Werke sind von Elementen wie Ganztonleitern, grossen Intervallen und Dissonanzen geprägt; sie stellen damit hohe Anforderungen an die Ausführenden. In den 1980er Jahren wurde ihr Kompositionsansatz folgendermassen beschrieben:
«Kontinuierlich-Arpeggiomässiges kommt bei ihr ebenso vor wie motivische Arbeit oder fast punktuelle Einzelstücke, in denen die Pause wichtig wird. Sie scheut auch nicht vor neuen Spielweisen auf den Instrumenten zurück, solange sie nicht grob und gegen das Instrument sind. Vierteltöne hört sie ohnehin in sich, und sie sagt, es falle ihr dann zuweilen schwer, sich auf dem Klavier für einen der genormten Halbtöne entscheiden zu müssen». (Ehrismann und Meyer 1985, S. 27).
Nach der Radiosendung von 1982 stiess Spöndlins kompositorisches Schaffen auf ein nachhaltiges Interesse, wovon unter anderem Aufführungen in Zürich (1985) und Bern (2008) zeugen. Die künstlerische Zusammenarbeit mit Matthias Steiner und der 1989 gegründete «Kreis der Freunde der Komponistin Elisabeth Spöndlin» ermöglichte Uraufführungen mit dem Stadtorchester Solothurn. Ihre Konzerte füllten eine Lücke im Musikleben der Stadt Solothurn, weil sie mit ihrer zeitgenössischen Musiksprache jüngere, weibliche, kirchliche und nicht-bildungsbürgerliche Publikumssegmente ansprach. Vom Interesse an Spöndlins Werk zeugen Aufnahmen aus den 1990er Jahren. Auf einer professionell aufgenommenen Audiokassette von ca. 1990 und einer CD von 1996 sind Aufführungen festgehalten, weitere Aufnahmen ihrer Werke befinden sich in der Zentralbibliothek Solothurn. 1997 wurde Spöndlin mit dem Preis für Musik des Kantons Solothurn ausgezeichnet. Die Übergabe ihres Werks inkl. der Urheberrechte an die Zentralbibliothek Solothurn 2011 durch Matthias Steiner und die Aufschaltung des Werkverzeichnisses im Online-Handschriftenkatalog HAN machen ihr Werk auch in der digitalen Welt präsent.
Verena Bider: "Spöndlin, Elisabeth", in: Dizionario della musica in Svizzera, Versione del: 04.03.2026. Online: http://mls-dms.ch/view/spoendlin-elisabeth-VqAQ. Consultato il 07.03.2026.