Katholische alpine Rezitationspraxis

Das Rufen des Alpsegens auf einer Ansichtskarte von ca. 1930. Foto: Photoglob Wehrli-Vouga AG Zürich.
Unter den Begriffen Alpsegen (Schweizerdeutsch: Alpsäge), Betruf (Schweizerdeutsch gebräuchlich Bättruef) und, seltener, Ave Maria versteht man in den katholischen Alpengebieten vor allem der deutschsprachigen Schweiz ein Hirtengebet, das während des Alpsommers jeden Abend von einem Älpler mit guter Stimme so laut wie möglich gerufen wird, verstärkt durch einen hölzernen Milchtrichter (die sogenannte Volle). Im 21. Jahrhundert wird der traditionell von Männern gesungene Alpsegen zunehmend auch von Frauen zelebriert.
Der Alpsegen darf nicht mit der Einsegnung einer Alp durch einen Priester unmittelbar nach dem Alpauftrieb im Frühsommer verwechselt werden. Es handelt sich vielmehr um ein Schutzgebet, mit dem die Hirtinnen und Hirten Gottvater, Jesus, Maria, den Heiligen Geist sowie ausgewählte Heilige (seltener Evangelisten und Engel) um Schutz vor den drohenden Gefahren der bevorstehenden Nacht bitten. Zusätzlich wird der volksliturgische Alpsegen im Rahmen von Berggottesdiensten oder im Tal bei Hochzeiten und Beerdigungen von Älplerinnen und Älplern praktiziert.
Die Alpenbewohner der Inner- und Ostschweiz verstehen den Ruf als Schutzbann für alle Lebewesen auf der Alp, der so weit reiche, wie der Alpsegen vernehmbar sei. Er dürfe auch bei Regen und Schnee nicht vergessen werden, da die Herde sonst laut Sagen grossen Schaden erleide. Älplerinnen und Älpler berichten, dass die empfundene Wirkung des Alpensegens im Dämmerlicht der einsamen Bergwelt durch das Echo vertieft werde.
Der unbegleitete Sprechgesang wird in einer Mischung von Hochsprache und schweizerdeutscher Mundart interpretiert. Die Melodien, die häufig im Umfang einer Quart, seltener einer Quint oder Sext liegen, werden syllabisch (pro Ton eine Silbe) gesungen. Besonders wichtige Worte wie «Jesus», «Maria» und «Amen» werden durch Spitzentöne und eine leichte Bewegung der Melodie hervorgehoben. Mit Tonwiederholungen und frei psalmodierenden Rhythmen erinnert das rezitativische Hirtengebet an den Gregorianischen Gesang der Römisch-Katholischen Kirche. Der Vortrag eines Alpsegens ist daher mit der Rezitation kleinerer liturgischer Gesänge und Litaneien vergleichbar. 1864 veröffentlichte Heinrich Szadrowsky im ersten Jahrbuch des Schweizer Alpenclubs eine Transkription des Sarganserländer Alpsegens.
In seiner Collectanea Chronica von 1565 erwähnt der Luzerner Chronist Renward Cysat dieses Hirtengebet unter dem Begriff Ave Maria als «ein gebett […] uff alte tütsche rymen» (Cysat 1969, S. 692). 1591 brachte der Luzerner Rat den Alpsegen mit Aberglauben in Verbindung: «Ave Maria rüeffens der sennen uf den hohen alpen und bergen, damit kein superstition mitlauffe» (zitiert nach Schweizerisches Idiotikon, Band 6, Sp. 692.) 1609 wurde die Praxis des Alpsegens in Appenzell zeitweise verboten. 1767 publizierte schliesslich Moritz Anton Kappeler erstmals den Text eines Alpsegens in seiner in Basel veröffentlichten Geschichte des Pilatus Pilati Montis Historia:
+ Ho-ho-ho-oe-ho-ho-oe-ho-ho. / Ho-Lobe-ho-Lobe, nemmet all tritt in Gottes namen Lobe: / ho-Lobe nemmet all tritt in unser Lieben Frauen namen Lobe: / Jesus! Jesus! Jesus Christus, / Ave Maria, Ave Maria, Ave Maria. / Ach Lieber Herr Jesus Christ, / behut Gott allen Leib, Seel, Ehr, und Gut, / was in die Alp gehoeren thut. / Es walt Gott und unsere herz liebe Frauw; / Es walt Gott, und der heilig Sant Wendel; / Es walt Gott, und der heilig Sant Antonj; / Es walt Gott, und der heilig Sant Loy. / Ho-Lobe nemmet all Tritt in Gottes Namen Lobe + (Zitiert nach Staehelin 1982, S. 7).
An charakteristischen Merkmalen im Text lassen sich regionale Varianten des Alpsegens erkennen. Die früher im Oberwallis Brauch gewesene Form begann mit dem Text «Im Anfang war das Wort» aus dem Johannesevangelium. Der Sarganserländer Alpsegen, der seit 1939 in Appenzell Innerrhoden wieder erklingt, fällt durch den «Tierkatalog» auf: Sankt Peter möge «dem Wolf den Zahn, dem Bären den Tatzen, dem Rappen (Raben) den Schnabel und dem Wurm (Lindwurm) sein Schweif» bannen (Szadrowsky 1864, S. 504). Danach folgte der sogenannte «Judenvers», eine antisemitische Textpassage, die erst 1965 auf Antrag der Israelitischen Gemeinde vom Bistum Sankt Gallen vor dem Hintergrund des 2. Vatikanischen Konzils verboten wurde.
Bezeichnend für den Innerschweizer Alpsegen, der während der Alpsömmerung in den Kantonen Uri, Schwyz, Obwalden und im Entlebuch (LU) gerufen wird, ist die Erwähnung eines «goldenen Rings», als Symbol für den kreisförmigen Schutzbann. Goldfarben können auch der «Graben mit den drei Heiligen Knaben» (Gottvater, Jesus, Heiliger Geist) und der Thron von Mutter Maria sein. In der neueren Literatur diskutiert wurde unter anderem die These, dass Textpassagen des Alpsegens auf Umdeutungen vorchristlicher Lockrufe für Kühe (dialektal «Loba») beruhen sollen.
Brigitte Bachmann-Geiser: "Alpsegen", in: Musiklexikon der Schweiz, Version vom: 24.08.2026. Online: http://mls-dms.ch/view/alpsegen-b8hp. Konsultiert am 30.08.2026.