Komponist, Chorleiter, Musiklehrer
*02.06.1891 in Niedermuhlern (BE), †31.01.1980 in Olten, evangelisch-reformiert, von Brittnau (AG). Sohn des Johannes, Milchhändlers, später Futtermittelproduzenten, und der Elise geborenen Brönnimann. Drei Geschwister; darunter Bruder Hans Kunz (1904–1982), Ordinarius der Philosophie ad personam der Universität Basel und Botaniker. ⚭1923 Elisabeth Hermine Meier (bzw. Eigenschreibweise: Meyer) (1900–1987), genannt Lisa, Klavierlehrerin, von Olten, Tochter von Pauline und Ernst Meier-Kamber. Vater von Hans Joachim (1928–2005), Kantonsschullehrer in Olten und Reiseschriftsteller.
Geboren auf dem Bauernhof der mütterlichen Vorfahren in Niedermuhlern, verbrachte Kunz seine früheste Jugend in Mülhausen im Elsass. Er besuchte Schulen in Trimbach (SO), wo er bei einem Primarlehrer Klavierunterricht erhielt. 1907 wurde er in Olten konfirmiert.
Nach der obligatorischen Schulzeit besuchte der künstlerisch begabte Kunz auf Anraten eines Verwandten das Lehrerseminar Wettingen in seinem Heimatkanton Aargau, das von dem avant la lettre reformerisch arbeitenden Direktor Johann Adolf Herzog geleitet wurde. Der Besuch der kulturell offenen und anregenden Schule legte die Grundlagen zu Kunz’ künstlerischer Entwicklung, wobei zunächst offenstand, welcher Kunstform er sich zuwenden werde. Er soll laut der auf seinen Mitteilungen basierenden Biografie von Carl Kleiner (1951) literarische, zeichnerische und kompositorische Versuche unternommen, das Klavier-, Cello- und Quartettspiel gepflegt, einen eigenen Klassenchor geleitet und im Stadtorchester Baden mitgewirkt haben. Früh erlitt er eine schwerwiegende gesundheitliche Störung: eine Hüftgelenkentzündung, die zu einer lebenslangen schmerzhaften Behinderung führte. Nach Abschluss des Seminars 1912 erhielt er das Lehrpatent des Kantons Aargau.
Kunz entschied sich für eine vertiefte musikalische Ausbildung und erhielt nach bestandener Aufnahmeprüfung einen Studienplatz an der Königlichen Akademie der Tonkunst in München. Er studierte von 1912 bis 1914 Komposition bei Friedrich Klose (1862–1942), einem Schüler von Anton Bruckner, und Klavier bei Berthold Kellermann (1853– 1926), ausserdem Dirigieren und Sologesang. Zu seinen Mitschülern an der Akademie gehörte Carl Orff (1895–1982), der bei Anton Beer-Walbrunn (1864–1925) studierte. Spätere Kontakte zwischen den beiden Kompositionsschülern sind nicht belegt.
Die Lehrer Klose und Kellermann beeinflussten Kunz zunächst entscheidend. Sprache und Literatur blieben für Kunz aber weiterhin wichtig; gemäss Kleiner stand er in Kontakt mit Paul Heyse, Frank Wedekind, Christian Morgenstern, Richard Dehmel. 1914 versuchte er sich selbst als Lyriker, rief den gedruckten und ausgelieferten Band jedoch zurück.
1914 schloss Kunz seine Ausbildung in München ab. Infolge des Kriegsausbruchs kehrte Kunz zu den Eltern zurück, die inzwischen nach Basel umgezogen waren. Die Stellensuche erwies sich als schwierig. In der langen Zeit bis zur festen Anstellung in Olten, 1919, widmete sich Kunz kompositorischen Arbeiten, suchte, z.T. über eine Agentur, eine Stelle als Musiker in Deutschland oder der Schweiz und übernahm eine oder mehrere Stellvertretungen an Primarschulen; eine längere von September bis Dezember 1914 in Dättwil bei Baden. Belegt sind drei zeitlich begrenzte Engagements als Musiker. 1916 vertrat er interimistisch den aus Deutschland stammenden Musikdirektor von Lenzburg, Carl Arthur Richter (1883–1957), der in seinem Heimatland Kriegsdienst als Militärkapellmeister zu leisten hatte. Von Oktober 1916 bis 1917 war Kunz Solorepetitor-Volontär an der Münchner Hofoper unter Generalmusikdirektor Bruno Walter, wo er anlässlich der Vorbereitung der Uraufführung von Pfitzners Oper Palestrina am 12. Juni 1917 eine prägende Begegnung mit Hans Pfitzner hatte. In der anschliessenden Saison 1917/1918 folgte eine Anstellung als Zweiter Kapellmeister am Hoftheater Rostock.
Im Spätsommer 1919 wurde Kunz als Nachfolger von Otto Kreis (1890–1966) zum Musikdirektor in Olten gewählt. Zu seinen Aufgaben gehörten die Leitung des Gesangvereins und des Stadtorchesters. «Nun verfügte der inzwischen 28-jährige über eine Plattform, die er dank seiner erfolgreichen Aufführungen sehr schnell erweitern konnte. 1922 übernahm er die Leitung des Lehrergesangvereins Oberaargau, 1924 half er den Lehrergesangverein Olten-Gösgen aus der Taufe heben, und 1927 berief ihn der Lehrergesangverein Zürich. […] Ab 1929 versah er ausserdem den Dirigentenposten des Lehrergesangvereins Solothurn und Umgebung.» (Braun 2017b, S. 14).
Kunz war ein strenger, auf hohe Qualität achtender, motivierender Chorleiter. Einen Höhepunkt bildete 1935 eine Konzertreise nach Budapest, wo Kunz mit vier Lehrergesangvereinen Verdis Requiem aufführte. In Olten und in Zürich erlebten seine Chöre eine jahrzehntelange Blüte; das Publikum strömte in die grossen Chorkonzerte, Laiensängerinnen und -sänger bemühten sich um Aufnahme in die halbprofessionellen Lehrergesangvereine. Bis 1956 arbeitete er mit dem Stadtorchester Winterthur zusammen, danach auch mit den Stuttgarter Philharmonikern. Im Jahre 1956 führte er mit professionellen Solistinnen und Solisten eine Oltner Mozartwoche durch, die in der ganzen Schweiz wahrgenommen wurde und weite Kreise der Bevölkerung erreichte.
Erleichtert wurde Kunz’ Wirken durch seine guten Beziehungen zu den jeweiligen Oltner Stadtammännern Hugo Dietschi (1864–1955), Hugo Meyer (1888–1958) und Hans Derendinger (1920–1996). Eine freundschaftliche und erfolgreiche Zusammenarbeit bestand mit dem Vizepräsidenten des Lehrergesangvereins Zürich, Carl Kleiner, und dem im Kanton Solothurn und in der Schweiz verankerten Pianisten Charles Dobler (1923–2014). Der Mäzen Werner Reinhart, Winterthur, unterstützte einige von Kunz’ Aufführungen. 1959 erhielt Kunz den Kunstpreis des Kantons Solothurn.
Kunz verstand die Komposition als sein wichtigstes Tätigkeitsfeld. Sie ermöglichte ihm den persönlichen Ausdruck seiner Weltsicht, einer konservativen Grundhaltung, die sich in den Jahren des zweiten Weltkriegs in melancholischer Zeitenklage und dem Aufruf zur Menschlichkeit ausdrückte. Musikalisch reihte er sich ein in die Tradition der Spätromantik, gelegentlich mit impressionistisch oder expressionistisch anmutenden Anklängen, und experimentierte mit Atonalität. Seine breiten literarischen Kenntnisse und seine Überzeugung von der Nähe aller Künste zueinander äusserten sich in seiner Vorliebe für die Vokalmusik und in der Wahl von Textverfassern der verschiedensten literarischen Epochen und Stile: von Friedrich Hölderlin über Georg Trakl bis zu Rudolf Alexander Schröder, von Richard Beer-Hofmann bis zum nationalistisch-völkischen und später nationalsozialistischen Dichter Hermann Burte.
Kunz und Burte waren sich in der Vorkriegszeit in gegenseitiger Hochachtung verbunden, wie der erhaltene Briefwechsel belegt. Burte war ursprünglich lebensreformerisch und deutschnational geprägt und vertrat eine konservative Weltsicht. Ob Kunz Burtes völkische Werke in der Standardsprache gekannt hat, ist nicht bekannt; er schätzte Burtes mythische Dialektdichtung. Wichtig war aber auch Burtes starke Stellung im nationalsozialistischen Deutschland, die dazu mithelfen sollte, Kunz’ Schaffen auch ausserhalb der Schweiz bekanntzumachen. In diesem Bestreben kannte Kunz noch in der späten Vorkriegszeit keine Berührungsängste, wie seine Zusage für ein Porträt in der nationalsozialistischen Zeitschrift Freude und Arbeit 1937 zeigt.
In den 20er und 30er Jahren lobte die Kritik Kunz’ Werke, sie wurden in Olten, Winterthur, Basel, Zürich aufgeführt, das Weihnachtsoratorium 1928 auch in Barmen/Deutschland. Über das Radio wurden seine Werke früh verbreitet: Huttens letzte Tage 1932 als Internationales Konzert über mehrere Sender, die Oper Vreneli ab em Guggisbärg 1937 als Direktübertragung aus dem Basler Stadttheater, die Madlee nach alemannischen Gedichten von Hermann Burte 1938 über den Reichssender Stuttgart, das Weihnachtsoratorium 1940 und das Requiem 1941 über den Schweizerischen Landessender Beromünster. Bis zum Ende der Kriegszeit wurde der einheimische Komponist – wie seine zeitgenössischen Schweizer Kollegen – breit rezipiert. Die freundlichen Besprechungen täuschten jedoch nicht darüber hinweg, dass die Breitenwirkung seiner Werke beschränkt blieb. Kunz hatte die Oper Vreneli nach dem Libretto von Oskar Wälterlin mit dem Anspruch einer «National-Oper» geschaffen, einer für die Nation identitätsstiftenden Oper. Wilhelm Merian schrieb dazu 1938, die «Volksliederoper […] habe in ihrer Musik gewisse dramatische Fehler», nötige jedoch Achtung ab. Sie wurde nie mehr aufgeführt.
Von den für Kunz wichtigen grossen Werken haben sich keine (öffentlich zugänglichen) Tonaufnahmen erhalten: Weder vom Oratorium Vom irdischen Leben (Aufführungen 21./22.11.1931, Langenthal und Olten), das der Komponist nach der Biografie von Carl Kleiner als «sein Lebenswerk» bezeichnet habe, noch von Vreneli ab em Guggisbärg (Uraufführung 1937), noch von dem mit grossem Erfolg aufgeführten Festspiel Pestalozzi – Weisheit des Herzens (Uraufführung 1946).
Zwischen 1925 und 1961 hielt Kunz gelegentlich Vorträge vor der Oltner Gesellschaft Akademia oder der Vortragsgesellschaft Töpfergesellschaft Solothurn. Er stellte dabei grosse Komponisten vor und gab Einführungen in bevorstehende Konzerte.
Nachhaltig waren Kunz’ Wirken als Musiklehrer in Schulen und für Privatschüler sowie seine Tätigkeit als Herausgeber von Schulgesangbüchern. Er war Musiklehrer an der Bezirksschule Olten und an den unteren beiden Klassen des Lehrerseminars Solothurn, Standort Olten. Sein aargauisches Lehrdiplom hatte ihm die notwendigen didaktischen Grundelemente des Unterrichtens mitgegeben; seine breiten musikwissenschaftlichen und literarischen Kenntnisse, sein Können am Klavier, sein beeindruckender Einsatz für die Musik verschafften ihm eine grosse fachliche Souveränität und Autorität. Dass er neuere oder gar Popularmusik kaum zur Kenntnis nahm, hat ihm den Weg zur Jugend allerdings nicht erleichtert. Sein Schüler Franz Hohler beschreibt in einem literarischen Porträt differenziert die Wirkung und Nachwirkung des gebildeten, elitären Lehrers auf den Schüler. Eine ehemalige Seminaristin, Brigitta Köhl, hält fest, was viele Seminaristinnen und Seminaristen an Kunz schätzten: Die Ernsthaftigkeit und Echtheit seines Unterrichts, insbesondere die Einführungen in die Musikgeschichte und in den Gesang.
Verena Bider: "Kunz, Ernst", in: Musiklexikon der Schweiz, Version vom: 04.03.2026. Online: http://mls-dms.ch/view/kunz-ernst-lXnP. Konsultiert am 07.03.2026.